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Durchwachsen

14. Juni 2015

Sommer in Deutschland. Das ist seit nunmehr zwölf Jahren eine durchwachsene Angelegenheit. Durchwachsen ist aber ein Adjektiv, mit dem kommt der Deutsche als solcher nicht zurecht. Es sei denn beim Grillen.

Denn beim Grillen, da kann dem gemeinen Deutschen das Nackensteak gar nicht durchwachsen genug sein, schließlich ist das Fett ja der Geschmacksträger, und also soll man bei jedem Bissen auf etwas Fleisch und möglichst viel Fett herumkauen! Fett ist nun tatsächlich Geschmacksträger – und trotzdem werde ich nie verstehen, wie man völlig durchwachsene Nackensteaks großartig finden kann. Allein die Konsistenz, die sich da in jedem Bissen beim Kauen offenbart – eklig!

Wenn schon Schweinefleisch auf dem Grill, dann bevorzuge ich immer und überall Schweinerückensteaks, denn die sind nicht durchwachsen, und ich kann halt nunmal nichts anfangen mit durchwachsenem Fleisch. (Wobei ich unterscheide zwischen marmoriert und durchwachsen – gegen ein schön marmoriertes Stück Roastbeef ist gar nichts einzuwenden, wohingegen durchwachsener Schweinenacken, wir hatten es schon, einfach eklig ist.)

Übrigens ist es eine der guten Eigenschaften meiner Landsleute, den Schweinenacken zu mögen. Denn wären alle Leute wie ich, das Schwein würde deutlich schlecht ausgeschlachtet – und damit müssten auch mehr Schweine geschlachtet werden. Ein Hoch also auf all die Menschen, die ekliges Zeug mögen wie durchwachsene Schweinenacken, Kutteln, Lüngerl, Leber und Niere! Sie erleichtern mein Gewissen ungemein, weil durch sie das getötete Tier immerhin fast zur Gänze gegessen wird.

Aber zurück zum Eigentlichen. Wir halten fest: Mein gemeiner Landsmann mag keine durchwachsenen Sommer, mit durchwachsenem Fleisch aber kann er gut leben. Bei mir ist es genau andersherum. Meine Landsleute kennen anscheind auch nicht den Unterschied zwischen durchwachsen und marmoriert. Denn damit ein Sommer vor ihnen Gnade findet, muß er so sein wie jener im jahr 2003. Also heiß und staubtrocken von April bis Oktober. Und das Bier muß auch knapp werden. Sonst hatten wir ja gar keinen richtigen, sondern einen hundsmiserabel schlechten Sommer. Leute, ernsthaft: Solche Sommer sind in unserer Klimazone die Ausnahme. Ausnahme heißt: Sie sind nicht die Regel. Sie sind ungewöhnlich. Selten. Sie sind ein Glücksfall. Kommt klar damit.

Und dann macht es wie ich, jetzt, gerade in diesem Augenblick. Setzt Euch auf Euren Balkon, einen Cuba libre an Eurer Seite, und genießt. Genießt die Hitze, genießt die Schwüle, genießt den gerade vorm Balkon abgehenden Platzregen, genießt das ferne Donnergrollen. Aber vor allem seid spontan! Das Wetter ist heute gut, aber Ihr habt erst für morgen eine Verabredung an der Isar, und die Prognose ist schlecht? Wer da seine Pläne nicht umschmeißt, braucht sich nicht wundern, wenn ihm im Nachgang jeder einzelne Sommer schlecht erscheint. Wer aber spontan das kleinste Bisschen Sonnenschein ausnutzt, wieviel besser sein Sommer war gegen den aller anderen.

Der letzte Sommer war durchwachsen? Bei neun Bergtouren, sieben Grillausflügen zur Isar und gefühlt 30 Besuchen in Biergärten und Straßencafés? Ernsthaft? Dann aber möchte ich wirklich mal wissen, wie erst ein guter Sommer ist.

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One Comment
  1. Gut gebrüllt, Löwe! Sehr lustig geschrieben. Bussi die Bergtussi

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