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Die Krise – oder: Europa

16. November 2015

Heute abend fuhr ich heim, wie meistens mit der U-Bahn, und wie meistens wollte ich Musik hören. Nun ist es so, daß ich meine Musiksammlung eher nachlässig pflege, weshalb auf meinem Handy sich etliche Ordner befinden, betitelt mit: Unbekannter Interpret. Und da kann es dann schon mal zu Verwechslungen kommen. Heute abend zum Beispiel. Ich wollte eigentlich ganz was anderes hören, aber ich verwechselte die vielen ungeordneten Ordner, und ich klickte auf einen, den ich gar nicht hören wollte, und es ertönte „We didn’t start the fire“ von Billy Joel. Unerwartet. Überraschend.

Aber passend. Denn mal ehrlich, nach so einem Wochenende, da hilft dieses Liedchen doch sehr beim Einordnen der Geschehnisse – Unordnung kann eben mitunter auch ordnend sein. Ich weiß nicht, wie textsicher meine paar Leser da draußen bei diesem Lied sind, deshalb kurz eine kleine Zusammenfassung: In einer Aneinanderreihung von Schlagwörtern erzählt Billy Joel die Geschichte und Geschichten seiner Generation, vom Ende der 40er bis in die 80er. Das klingt dann in etwa so: „Bardot, Budapest, Alabama, Krushchev, Princess Grace, Peyton Place, trouble in the Suez“ – und wenn ich mich nicht sehr irre, meint das alles nur das Jahr 1956.

Viel war da los, in den Jahrzehnten, die unsereins fast nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt, eine Menge Tote gab es, der Untergang der Welt, wie die Gestrigen sie kannten, stand einige Male kurz bevor. Im Oktober ’62 etwa, was mir mein Vater aus seinen Erinnerungen einmal so nahe brachte, daß sich mir die Nackenhaare aufstellten – 45 Jahre danach. Aber es ist nun einmal so: Was wir selbst nicht erleben, was wir nur hören oder lesen, das ist nicht von der gleichen, harten Wirklichkeit wie all das, was uns widerfährt. Weshalb wir den IS für die apokalyptischen Reiter halten – und nicht mehr nachvollziehen können, daß vielen der NATO-Doppelbeschluß als vorletzter Schritt zum Atomtod schien. Weshalb die Generation unserer Groß- oder gar Urgroßeltern der NATO-Doppelbeschluß für richtig befand – denn immerhin hätte er ein solches Schlachten, wie es aus den beiden Weltkriegen allzu bekannt war, sicher verhindert. Weshalb eben jeder die Welt nur aus seinen eigenen Erfahrungen bemisst und für unvergleichlichen Schrecken hält, was die größte Katastrophe eben nur seiner Zeit ist.

Weshalb in unsrer aller Augen in der jeweils aktuellen Zeit viel mehr an Übeln unterwegs ist, als es jemals auf Erden gab. Billy Joel schrieb angeblich sein Lied, weil ein deutlicher Jüngerer ihm mittteilte, die Zeit seiner Jugend sei doch arg ereignisarm und ruhig gewesen – das konnte er dann eben nicht so stehen lassen. Das sehe ich sogar ein, kein Mensch möchte die eigenen Ängste, die eigenen Leiden verneint haben – und sollten sie sich als Illusion erwiesen haben. Doch ein bisschen sollte man sich über die eigene Zeit erheben können, ein bisschen sollte man sehen können: Europa – oder der Westen – war schon immer ein fragiles Gebilde, war schon immer gefährdet; und kein Mensch weiß, wann die Gefahr am größten war. Natürlich, so rein subjektiv, immer in der jeweils aktuellen Zeit. Aber: Europa hat immer überlebt, von den Perserkriegen bis heute – und das, obwohl es oft genug versucht war, Selbstmord zu begehen, oft genug in Gefahr war, zum Mordopfer zu werden.

Mir ist Nationalstolz, mir ist jedweder Pathos eigentlich fremd – aber das, diese Tatsache, daß es Europa noch immer gibt (und viel mehr am Münchner Hauptbahnhof denn in der Münchner Staatskanzlei) das macht mich tatsächlich stolz – auf Europa und die, ich weiß nicht wie oft missbrauchte, Idee dahinter. Und ja, wir können uns nicht damit herausreden, daß wir nie das Feuer entfacht hätten – diese Naivität nimmt uns keiner ab. Und ja, wir sind arg egoistisch, wir nutzen die Welt da draußen aus, ohne den Preis dafür zahlen zu wollen. Doch trotzdem: Wir leben eben auch eine Idee, die es wert ist, Feinde zu haben, die es wert ist, den Verächtern und Mördern zu trotzen, die es wert ist, einfach so gelebt zu werden, gegen alle Ängste und Bedenken, die von den inneren Feinden kommen, und gegen alle Angriffe, die von den äußeren Feinden kommen. Lasst uns deshalb weiter feiern und tanzen und lachen – der Preis ist nicht zu hoch.

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