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Sie lebt noch

15. Oktober 2018

Die meisten Leute reagieren etwas ungläubig, wenn ich ihnen erzähle, daß ich (Jahrgang ’79) im Herbst 1988 politisiert wurde. Wenn ich ihnen dann erzähle, wie es dazu kam, so schauen sie noch immer ungläubig – aber mir glauben sie immerhin.

Ich stamme nämlich aus Bayern. Und im Herbst 1988, genauer am 3. Oktober, da ging der größte aller jemals gelebt habenden, aller lebenden und aller jemals noch kommenden Bayern von uns. Das war zumindest die offizielle bayerische Ansicht damals, im Herbst 1988. Eine offizielle bayerische Ansicht gab es da wirklich noch, und das hatte zu tun mit dem größten aller Bayern und seiner Partei. Ihm und seiner Partei gehörte damals nicht nur die Macht in Bayern, sondern auch der Bayerische Rundfunk, der deshalb öfters mal auf Geheiß des größten aller Bayern aus der Sendegemeinschaft der ARD ausstieg. Ihnen gehörten die bayerischen Fluren, die bayerischen Berge, Dörfer und Schulen – ja sogar der bayerische Himmel.

Doch dann geschah die Katastrophe und der gottgleiche Regent Franz Josef entrückte anlässlich eines seiner vielen, vielen Jagdausflüge gen Paradies, das wahrscheinlich auch ihm und seiner Partei gehörte. Und ich durfte mir dann morgens in der Schule eine viertelstündige Trauerrede anhören, die unser Schulleiter, bairisch stotternd, über die Lautsprecher verlas. Und wir alle durften dann die nächsten Tage und Wochen Zeugnisse der Großtaten Franz Josefs aus allen Zeitungen ausschneiden und in einem großen Schaukasten sammeln, auf daß uns allen bewusst werde, welch göttliche Gestalt da von uns gegangen war – auch die bayerischen Lehrer sind übrigens zu politischer Neutralität verpflichtet, aber Franz Josef zu ehren, das galt ihnen selbstverständlich als Pflicht, denn Franz Josef stand über allem, seine Regentschaft hatte nichts zu tun mit den Niederungen der Parteipolitik, das war Gottesgnadentum!

Seither ist für mich klar: Die CSU wähle ich nie und nimmer! Seither freue ich mich über jede Wahlniederlage dieser Partei, seither sehne ich ihren Untergang herbei. Und seither ist zwar viel geschehen mit dieser Partei, ihr gehört längst nicht mehr so selbstverständlich der bayerische Himmel, sie kann auf den bayerischen Bergen nicht mehr walten, wie sie möchte, sie schaut verwundert auf die Leute, die da nun bayerische Stadtbevölkerung sind (und Katharina Schulze toll finden – was, das muß ich zugeben, auch mich verwundert), ihr gehört der Bayerische Rundfunk nicht mehr so ganz, sondern nur noch zu geschätzten vier Fünfteln. Und die Macht, so schien es noch einen Tag vor dieser gottverdammten Wahl, könnte ihr bald auch nicht mehr so ganz gehören. Man hoffte und man freute sich:

Wahl

Aber die Macht, die Macht in Bayern, die gehört noch immer der CSU – es ist zum Verzweifeln!

Denn auch wenn die Grünen erstaunlich stark geworden sind, auch wenn die CSU, verglichen mit der letzten Landtagswahl und dank ihrer beiden Chefs, als ziemlich gerupfte Krampfhennen daherkommt: Sie wird es ziemlich leicht haben, fürchte ich, sich zu erholen und zu alter Stärke und altem Selbstverständnis zurückzufinden. Sie hat nämlich im Vergleich zur Bundestagswahl gar nicht mal schlecht abgeschnitten, sie hat einen Koalitionspartner zur Verfügung, der für sie überaus praktisch ist, und sie hat eine SPD, die für sie die Drecksarbeit erledigen wird – und dann ist die CSU in zwei, drei Jahren wieder fein raus.

Gegenüber der Bundestagswahl vor etwas mehr als einem Jahr hat die CSU bei den Zweitstimmen 320.000 Stimmen verloren – das ist schon nicht wenig, aber bei der einzig anderen Landtagswahl nach der Bundestagswahl, im letzten Herbst in Niedersachsen, verlor die CDU sogar 340.000 Stimmen (und es gibt knapp 5 Millionen Niedersachsen weniger als Bayern). Das kann man also einpreisen als „Kosten für die Berliner Koalition“. Und das ist, sieht man sich das Sommertheater an, das die CSU-Granden aufgeführt haben, ein schon unverschämt kleiner Preis für die Mit-Macht in Berlin. Vor allem, weil die SPD gegenüber der Bundestagswahl 500.000 Zweitstimmen verloren hat, die Grünen aber nur 470.000 dazugewonnen haben.

Dann sind da noch die Freien Wähler, die über 500.000 Zweitstimmen zulegten, ein Klon der CSU (ohne deren Machtarroganz) sein könnten, bundespolitischen keine Rolle spielen – und also den perfekten Regierungspartner für die CSU abgeben. Bei der nächsten Bundestagswahl kommen deren Stimmen fast schon automatisch der CSU zugute, wenn die keine allzu großen Fehler macht. Und auf Landesebene wird man schon ganz kommod zusammenarbeiten können, das tut der CSU nicht weh. Also heißt es für die CSU nur: In Ruhe in Bayern weiterregieren, darauf warten, daß der Grünen-Hype vergeht (der wird vergehen, dafür sorgt allein schon Claudia Roths Mini-Me Schulze), kein Kasperltheater mehr in Berlin aufführen – und alles wird gut.

Für CSU-Verächter liegt umgekehrt alle Hoffnung auf einem fortgesetzten Kasperltheater in Berlin, Hoffnungsträger aller CSU-Gegner ist also Seehofer. Nur leider ist da nicht viel Hoffnung. Denn leider haben die Grünen die SPD dermaßen kanibalisiert, daß es, schätze ich, nur noch eine kurze Weile dauern wird, bis die SPD aus der Koalition in Berlin aussteigt. Steigt die SPD aus, ist Seehofer Innenminister einen gewesenen Regierung – und kann also leicht und ohne größere Verwerfungen sowohl als Innenminister als auch als Vorsitzender der CSU entfernt werden. Damit aber gibt’s kein Kasperltheater in Berlin, dafür kommodes Regieren in Bayern, die CSU erholt sich und wird – unter einem fränkischen Ministerpräsidenten!!! – schön weiter an der Macht in Bayern kleben. Es ist wirklich zum Verzweifeln!

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