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Durch Danubistan. Erster Teil: Von Emporgekommenen und Abgehängten

30. Juli 2017

Eigentlich, das muß gleich vorweg eingeräumt sein, fuhren wir ja nur durch einen Teil Danubistans, den vorderen und, so lautet das Klischee, an dem – wie an jedem Klischee – auch Wahrheit haftet, zivilisierten Teil; jenen Teil, in dem Zungen gesprochen werden, die man halbwegs getrost mit dem Adjektiv „deutsch“ belegen kann. Und auch diesen Teil durchquerten wir nicht, den Regeln gerecht, von der Quelle an, sondern wir begannen unsere Reise in der größten Stadt an jenem Zulauf der Donau, der dem Namen nach einstmals von reißender Kraft gewesen sein muß, inzwischen aber zum harmlosen Bächlein verkommen ist: in München also, an der Isar.

Von München aus wollten wir am ersten Tag über Freising bis nach Landshut gelangen (das gelang uns dann auch) – Menschen, die ihre Grundschuljahre in Bayern verlebt haben, könnten nun wissen: In diesem Dreiklang der Städte ertönt die Geschichte Bayerns. Im Norden Münchens zweigen vom Isarradweg immer mal wieder andere Routen ab, an einer Stelle nennt der Wegweiser dann eben Oberföhring – und also muß hier irgendwo die Brücke gestanden haben, die der Löwe anzünden ließ, seiner Stadt zu Größe zu verhelfen und seinem Onkel auf dem Freisinger Hügel eins auszuwischen. Kurz darauf schickte ein spitzer Stein sich an, uns eins auszuwischen – und vorbei war es mit dem Nachdenken über seltsame Stadtgründungen und verworrene Familienverhältnisse:

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Immerhin, das Wetter ist gerade gut und der Flicken schnell zur Hand, und die Isar fließt gerade an dieser Stelle ganz besonders hübsch – da ist die knappe halbe Stunde der Unterbrechung fast schon willkommen.
Wir radeln dann aber schließlich doch weiter, und zur Mittagszeit ruft uns der Freisinger Domberg seinen Gruß entgegen. Ob man von dort oben heute wohl auf eine Millionenstadt blickte, wäre die Isarbrücke des Bischofs nicht abgebrannt? Doch die Brücke ist halt längst schon verkohlt, und so ist Freising eben nur eine Kleinstadt von knapp 50000 Einwohnern mit einem schönen, weil buntem und altem Kern, in dem es sich gut bairisch essen lässt.

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Den Kaffee ließen wir uns dann schon in Moosburg schmecken, mit Blick auf ein verheißungsvolles Wegschild: „Landshut 18 km.“ Viel mehr ist da auch gar nicht in Moosburg als unser Café und die Straße nach Landshut. Egal, welche Kapriolen die Geschichte sich einfielen ließ oder hätte einfallen lassen können, Moosburg ist und wäre von allem unberührt geblieben.
Dann kamen wir nach Landshut.

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Hier feierten sie gerade alle die große Zeit dieser Stadt, indem sie das prächtigste ihrer Feste nachspielten: die Landshuter Hochzeit. Sollte jemand Landshut besuchen wollen, so sei ihm dringend empfohlen, damit noch ein wenig zu warten. 2021 wird die Hochzeit das nächste Mal gefeiert, dann, unbedingt dann komme man in diese Stadt! Ungefähr jeder 30. Landshuter spielt mit bei dem Spektakel, was ganz sicher dazu beiträgt, daß die Hochzeit ein Volksfest im besten Sinne des Wortes ist. Die Kostüme, in die sich die auserwählten Stadtbewohner zwängen, sind erstaunlich authentisch – und also mal prächtig, mal komisch aber immer eine Schau!
Die Geschichte aber, die sie da alle so mitreißend aufwendig nacherzählen, ist der guten Stimmung in den Straßen zum Trotz eigentlich eine der wehmütigen Sorte. Denn der auf der originalen Hochzeit verheiratete Thronfolger Georg wurde zum letzten der Landshuter Herzöge, er war auch der letzte mit dem allzu wahren Beinamen „der Reiche“. Nach seinem Tod sank der Stern Landshuts, das bis dahin deutlich reicher und größer und mächtiger als München gewesen war. Nun aber herrschte München über Landshut und es überflügelte bald seine Isarschwester in Wirtschaft, Macht und Zahl.
Doch alle vier Jahre schlüpft Landshut für ein paar Wochen im Sommer wieder in seine alte, große Rolle und zeigt, was es einst war – und ein bisschen auch, was es hätte werden können, hätte der reiche Georg zu all seinen Schätzen auch noch einen Sohn gehabt.

Buchskranz

Mag die Geschichte hinter der Hochzeit auch eine wehmütige sein, ihr Nachfeiern ist ein ausgelassenes Fest, für das zum Glück der Wohlstand der Stadt auch heute noch ausreicht. Also konnten wir hier bestens die Müdigkeit aus unseren Beinen feiern, und als wir dann endlich Landshut gen Passau verließen, da ließen wir es uns nicht nehmen, ein kleines Stück dieser wunderbaren Stadt nach Osten zu entführen: Einen der bei der Hochzeit allgegenwärtigen Buchskränze, der uns Schmuck und Talisman wurde und uns bis Wien hinab nicht mehr verließ.

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