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Deutscher Herbst

11. November 2011

Es ist Herbst, das bemerke ich allmorgendlich, wenn ich für die erste Zigarette des Tages auf den Balkon trete – und ich kaum über die Straße vorm Balkon sehe, so dicht ist der Nebel. Es ist Herbst, das bemerke ich, wenn ich allmorgendlich meine Zeitungen lese – und ich wie jedes Jahr zu dieser Zeit ganz schrecklich viel lesen darf über deutsche Sinnsuche.

Es traf sich gut, daß der SED-Führung 1989 doch recht schnell alle Gestaltungs- und Beharrungskraft abhanden kam, es traf sich gut, daß sie in jenen Tagen nicht noch ein weiteres halbes Jahr hatte durchhalten können. Man stelle sich vor, die Erinnerung an den Mauerfall fände statt in sonnigen Frühlingstagen; man stelle sich vor, die mit dem Gedenken verbundene zwanghafte Suche nach deutscher Selbstvergewisserung, dieses abgründige Blätterrauschen fände alljährlich eben dann statt, wenn die Knospen sprießen. Wie unpassend! Wie undeutsch! Nein, für die tiefgründige Erforschung deutscher Befindlichkeit braucht es keine Knospen, da braucht es den Nebel, denn der wabert so schön. Und schönes Wabern gehört unbedingt dazu, denkt einer publikumswirksam nach über Deutschland (in der Nacht und am Tage) und die Deutschen.

Dieses Jahr denken gleich zwei Schriftsteller gemeinsam nach über uns alle und unsere angeblich verschüttete nationale Seele: Thea Dorn (wie hübsch!) und Richard Wagner (wie noch viel hübscher!). Heißt ein Mensch Thea Dorn, und er schreibt etwas, dann muß Leiden an der eigenen Zeit, an den Mitmenschen, der Gesellschaft dabei herauskommen, klingt dieser Name doch irgendwie nach Passion in seiner Andeutung von Göttlichkeit und Dornenkrone. Heißt ein Mensch Richard Wagner, und er schreibt, dann liegt es nahe, daß er sich in deutscher Romantik suhlt, denn der große Namensvetter ist natürlich Verpflichtung. Schreiben diese Beiden nun gemeinsam ein Buch, dann ist klar, daß es darin nur so wimmelt von Klageliedern ob der verlorenen deutschen Seele und von sehnsüchtigen Versen über längst entschwundene, irgendwie edle, fast geheiligte Zeiten. Ob das Buch tatsächlich so schlimm ist, weiß ich übrigens nicht, ein Gespräch mit den Beiden über ihr Büchlein lässt es aber vermuten (http://www.zeit.de/kultur/2011-11/wagner-dorn-deutsche-seele). Es wabert also mal wieder der deutsche Geistesnebel, und aus dem Nebel treten schemenhaft hervor: die deutsche Romantik als solche, Richard Wagner (der Ältere) und sein Tannhäuser im besonderen.

Am Tannhäuser nämlich zeigt Frau Dorn hübsch auf, daß die deutsche Seele, die sie sucht, eine pathetisch romantische ist, daß Wagners Tannhäuser-Interpretation mit ihrer Lust am heldischen Untergang eben das Deutsche ist, Heines spöttisch satirische Behandlung des gleichen Stoffes hingegen ist viel zu leicht, zu fein, zu ironisch, als daß sie echt deutsch sein könnte. Nun ja, Freund Heinrich war ja auch Jude, wie Frau Dorn weiß, der kann keine rein deutsche Seele haben. Allerdings finde ich bei Kant auch nichts pathetisch Romantisches, bei Lichtenberg nur feinste Ironie, bei Poe, Shelley, Byron und Keats hingegen Romantik in Vollendung. Aber selbst das macht wohl nichts, das sind alles Ausnahmen, der Deutsche ist nur da ganz deutsch, wo er sich romantisch verbrämt in die Abgründe seines Seelenlebens vertieft. Und einzig der gemeine Deutsche vertieft sich so sehr in sein Seelenleben, so Dorn ausgerechnet mit den Betrachtungen eines Unpolitischen, „das Deutsche ist ein Abgrund, halten wir fest daran.“ Und dann schlägt sie einen (in den ersten beiden Gliedern auch noch anachronistischen) Bogen von Nietzsche über Wagner zu Heidegger – und sie hat keinen Platz in ihrem Denken für Dostojewski und Kierkegaard, die Nietzsche und Heidegger vorausgingen. Sie hat keinen Platz für die abgründigen Franzosen, für Baudelaire und Rimbaud, oder für Céline, dessen Reise ans Ende der Nacht mal wirklich ein Schlund ohne Boden ist. Deutsch zu sein, so scheint es, heißt bis heute, das Allgemeine mit Macht und Zwanghaftigkeit ins Besondere wandeln zu wollen.

Ich gebe gerne zu, im Herbst, wenn der Nebel wabert, dann stürze auch ich mich fast schon mit Lust in schlechte Stimmung und abgründige Gedanken. Doch bisher dachte ich, das liegt einfach am Lichtmangel, der sich jedes Jahr im Herbst aufs Neue einstellt. Jetzt aber weiß ich es besser, Dorn und Wagner sei Dank: Im Herbst verliere ich meine individuelle Seele, wahrscheinlich macht sie Urlaub in südlicheren Gefilden. Und statt ihrer ergreift die deutsche Kollektivseele besitz von mir – der Herbst ist eben die deutscheste aller Jahreszeiten, da komme dann wohl auch ich nicht drum herum.

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